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Die Vertreibung von Bevölkerungen

Die Vertreibung ist eine erzwungene Migration einer Bevölkerung oder Bevölkerungsteilen aus einer Region heraus. Dies kann durch den Einsatz von Gewalt oder die Androhung von Gewalt geschehen. Die Besiedlung einer Region durch andere Völker kann dies unterstützen. Die Besiedlung durch andere Völker kann aber auch nach einer Vertreibung geschehen und verhindern, dass die vorherige Bevölkerung zurückkehrt.

Meist sind von einer Vertreibung nur bestimmte Teile der Bevölkerung betroffen, die einer bestimmten Ethnie oder einer bestimmten Religion angehörten. Mit der Vertreibung einhergehend sind auch immer wieder Enteignungen verbunden, indem sich andere Personen oder der Staat Grundstücke und Gegenstände der Vertriebenen aneignen. Die Grundstücke, Gebäude und übrigen Dinge, die den Vertriebenen gehörten, können aber auch herrenlos werden. Das ist der Fall, wenn die Vertreibung stattfand, um in dem alten Siedlungsgebiet der Vertriebenen Wald zu roden oder Bergbau zu betreiben und das übrige Eigentum der Vertriebenen nicht von Interesse war. Die Aneignung von Land ist eine immer wiederkehrende Motivation zur Vertreibung von Völkern. Eine weitere Motivation ist immer wieder die Herstellung von Sicherheit für die eigene Bevölkerung, wenn es regelmäßige Konflikte mit anderen Völkern gab. Seltener sind Vertreibungen durch beispielsweise menschengemachte Umweltkatastrophen, wie der Kernreaktor-Unfall von Tschernobyl 1986 in der Sowjetunion und der darauffolgenden Evakuierung der in der dortigen Region lebenden Bevölkerung oder der Waldbrände im Amazonas-Regenwald in Brasilien, Kolumbien, Peru, Bolivien und Paraguay 2019, die zur Vertreibung der im Amazonas-Regenwald lebenden Völker führte.

Beispiele von Vertreibungen in der Geschichte

Nach der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes (von 132 bis 136) wurden die Juden aus Palästina vertrieben. Das Eigentum der Vertriebenen wurden von den römischen Fiskalprokuratoren für den römischen Fiskus eingezogen.

Von 1570 bis 1611 wurden die Morisken aus Spanien vertrieben. Die Morisken waren zum Christentum konvertierte Moslems. Zwischen 1609 und 1611 wurden etwa 275.000 Morisken vertrieben.

In den USA wurden von etwa 1800 bis etwa 1830 die amerikanischen Ureinwohner der Cherokee, Chickasaw, Choctaw, Muskogee und Seminolen aus dem fruchtbaren Süden der USA nach Nordwesten vertrieben. Damit sollte deren Stammesgebiet als Acker- und Weideland zu übernommen werden. Dieses Ereignis wird auch als „Pfad der Tränen“ [in Cherokee „ᎨᏥᎧᎲᏓ ᎠᏁᎬᎢ“ – „getsikahvda anegvi“] bezeichnet.

Die amerikanischen Ureinwohner der Navajo wurden von 1864 bis 1866 vom Südwesten der USA nach Nordosten vertrieben. Die Vertreibung fand statt, nachdem die Navajo verstärkt Siedlungen der Einwanderer in den USA und Mexiko überfielen. 1868 durften die Navajo mit dem Vertrag von Bosque Redondo in ihr altes Stammesgebiet zurückkehren, nachdem die Kosten für Bewachung und Ernährung der Navajo übermäßig hoch wurden und der zuständige Militärvertreter William Tecumseh Sherman überzeugt war, dass das alte Stammesgebiet für die weißen Siedler zu unfruchtbar war.

Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des 19. Jahrhunderts fand die Vertreibung der gälischsprachigen Bevölkerung aus dem schottischen Hochland in Großbritannien statt. Ursache war das Ziel der Vertreibung der Kleinbauern zugunsten großflächiger Schafzucht und von Jagdgebieten. Die Pacht der Kleinbauern war niedriger als das Halten von Schafen und dem Verkauf von Wolle auf demselben Land. Die Preise für Wolle stiegen durch den Beginn der Industrialisierung. Ein Großteil der gälischen Bevölkerung wanderte nach Nordamerika und in die englischen Großstädte aus. Es wurden mehrere Hunderttausend Menschen vertrieben. Diese Vertreibung kann als ethnische Säuberung klassifiziert werden.

Die Vertreibung von wahrscheinlich über einer Million Armeniern 1915 aus der Türkei ist unter Völkermord aufgeführt.

In der Zweiten Polnischen Republik wurden durch den Friedensvertrag von Versailles nach dem 1. Weltkrieg Gebiete von Deutschland an Polen abgetreten. Bis 1939 wurden 1,5 Mill. Deutsche aus diesen Gebieten vertrieben. Umgekehrt wurden aber auch Polen aus den deutschen Gebieten, vor allem in Oberschlesien, vertrieben.

Nach dem 2. Weltkrieg verlor Polen Gebiete im Osten an die Ukraine und erhielt Gebiete im Westen von Deutschland. Dabei wurden etwa 1,8 Mill. Polen aus der Ukraine und etwa 3,8 Mill. Deutsche aus Polen Richtung Westen vertrieben.

Durch die sogenannten Beneš-Dekrete wurden nach dem 2. Weltkrieg etwa 3 Mill. Deutsche aus Tschechien und der Slowakei vertrieben.

Nach dem Vietnamkrieg (von 1955 bis 1975) begann eine Flüchtlingskrise, bei der etwa 3 Mill. Menschen aus Vietnam, Laos und Kambodscha vertrieben wurden. Diese flüchteten in verschiedene Länder Südostasiens, China, Nordamerika, Australien und Europa.

Durch den Bürgerkrieg in El Salvador (1979 bis 1992) wurden etwa 1 Mill. Menschen vertrieben.

Von 2023 bis 2024 wurden in Gaza 1,9 Mill. Menschen aus dem Nordosten in den Südwesten vertrieben. Dies entspricht etwa 85 % der Bevölkerung von Gaza. Diese Vertreibung wird als Versuch einer ethnischen Säuberung eingestuft.

Vertreibungen sind heute durch das Völkerrecht geächtet und stellen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. Sie sind als solche in Artikel 7 des Römischen Statuts aufgeführt, welches 2002 in Kraft trat.


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