In der Anarchie gibt es keine Regierung. Es ist eine Herrschaftsform der Herrschaftslosigkeit. Die Mitglieder einer Gesellschaft organisieren sich selbst und unabhängig. Die Anarchie kann auch mit dem Fehlen staatlicher Ordnung und mit Rechtlosigkeit verbunden sein. Es kann aber auch eine staatliche Ordnung, organisiert über Räte oder auch freie Übereinkunft der Mitglieder der Gesellschaft bestehen.
Bei den griechischen Philosophen in der Antike war die Anarchie eine Form der Demokratie. Sie wurde als eine direkte Demokratie gesehen, bei der die Bevölkerung die Regierung entweder sehr geschwächt oder abgeschafft hatte.
Vor allem Aristoteles und sein Lehrer Platon, die in ihren Werken den Begriff der Anarchie in der Antike wesentlich prägten, standen stark unter dem Eindruck der attischen Demokratie. Diese war von Krisen geprägt. Es kam zudem zu rechtswidrigen Beschlüssen der Volksversammlung durch den negativen Einfluss von Demagogen. So wurde zum Beispiel per Volksentscheid beschlossen, nach der Eroberung der Stadt Milos 416 v. Chr. durch die Athener alle erwachsenen Männer hinzurichten und die Frauen und Kinder als Sklaven zu verkaufen. Die Stadt wurde danach durch die Ansiedlung attischer Bürger neu gegründet. Es kam also zu einem demokratisch beschlossenen Völkermord. Auch beim Arginusen-Prozess, bei dem sechs Kapitäne hingerichtet wurden und bei der Verurteilung von Sokrates kam es zu rechtswidrigen Beschlüssen der Volksversammlung. Bei die Militärexpeditionen nach Ägypten und Sizilien waren schwere Fehlentscheidungen der Volksversammlung, die zum Verlust des jeweils ausgesandten Heeres und der ausgesandten Flotte führte. Aristoteles und Platon vertraten daher die Ansicht, die Herrschaft sollte besser in den Händen weniger Experten liegen.
In späterer Zeit wurde die Anarchie meist als Zustand der Gesetzlosigkeit und des Chaos gesehen. Thomas Hobbes beschrieb dies als Naturzustand ohne Staat und Gesetz, in dem ein Krieg aller gegen alle
geführt wird [Original: bellum omnium contra omnes
, in „Elementorum philosophiae sectio tertia de cive“ [„Der dritte Abschnitt der Elemente der Philosophie über den Bürger“], 1642].
Die Anarchie kann auch positiv als selbstorganisierte Gemeinschaft ohne staatliche Gewalt gesehen werden. So vertritt beispielsweise Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) in seinem Werk „Qu’est ce que la propiété?“ [„Was ist Eigentum“] nicht nur die These, dass das Eigentum Diebstahl wäre und beseitigt gehöre. Es meint auch, dass ein Volk sich ohne Herrschaft von Regenten durch gegenseitige Vereinbarungen und Absprachen der Bürger, in einer „Ordnung ohne Macht“, selbst verwalten solle. Voltairine des Cleyre (1866-1912) vertrat die Ansicht, dass viele Probleme erst durch Herrschaft und Obrigkeiten geschaffen wurden. Daher sah sie die Abschaffung von Staaten und Regierungen als Lösung der Probleme an. Die Gesellschaft sah sie in kleinen, föderalen Gruppen mit freiwilligen Vereinigungen zur Zusammenarbeit bei Produktion, Kommunikation, Bildung und Verteidigung. Die natürlichen Ressourcen sollten allen zugänglich sein und jeder soll Eigentümer dessen sein, was er selbst produziert hat.
Als Anarchie wird die Zeit des Bürgerkriegs in England von 1135 bis 1154 beschrieben. In diesem kämpften die Tochter von Heinrich I. Matilda und sein Neffe Stephan von Blois um den englischen Königsthron, da der ursprüngliche Thronfolger William Ætheling beim einem Schiffsuntergang ums Leben kam. Dieser war der Bruder von Matilda und der Vater von Stephan Blois. Die Zeit des Bürgerkriegs war von Rechtlosigkeit und Zusammenbruch staatlicher Ordnung geprägt.
1871 bestand für vom 18. März bis 28. Mai die Pariser Kommune. Die Kommune entstand aus der Ablehnung der Kapitulation Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg von 1870 bis 1871 und der Ablehnung Regierung, die aus der im Februar gewählten Nationalversammlung hervorging. Es wurde versucht, die Verwaltung für die Stadt über Räte zu organisieren. Die Führungspersonen wechselten häufig, da es immer wieder zu gegenseitigen Verhaftungen von Mitgliedern kam. Es wurden verschiedene Dekrete erlassen, beispielweise der rückwirkende Erlass unbezahlter Mieten, die Beschlagnahme unbewohnter Wohnungen zur Vermietung, die Rückgabe von verpfändeten Gegenständen, insbesondere Bettzeug, Kleidung und Möbeln, oder die Zahlung von Pensionen an Verwundete, Witwen und Waisen. Ende Mai eroberten die Regierungstruppen die Stadt und es folgten Massenhinrichtungen. Dabei kamen 17 000 bis 35 000 Menschen ums Leben.
Die Freistadt Christiania ist ein Gebiet in der Stadt in Kopenhagen in Dänemark. Diese steht unter autonomer Selbstverwaltung der mehrere Hundert bis etwa tausend Einwohner. Sie wurde 1971 gegründet und wird trotz mehrfacher Versuche, die Freistadt zu räumen und aufzulösen, bis heute weitgehend toleriert. Die Gemeinschaft organisiert sich durch Versammlungen, bei denen jedes Mitglied der Gemeinschaft gehört wird und bei der gemeinsame Entscheidungen basisdemokratisch im Konsens getroffen werden. Die Freistadt ist in 14 lokale Gebiete unterteilt, innerhalb derer wieder eigene, lokale Entscheidungen getroffen werden. Die Gemeinschaft finanziert sich durch die Mitglieder, die überwiegend außerhalb der Freistadt arbeiten oder Sozialleistungen vom dänischen Staat erhalten. Es gibt eine kleine Brauerei, Café, Restaurants und kleinere Unternehmen.
Die Internationalen Beziehungen der Staaten können als Anarchie angesehen werden, da es keine Weltregierung und keine Weltgerichtsbarkeit gibt. Auch die Vereinten Nationen bieten lediglich einen Platz zur Kommunikation und der Zusammenarbeit der Staaten. Die Teilnahme ist aber freiwillig und die Vereinten Nationen selbst sind auf die Unterstützung einzelner, starker Staaten angewiesen, um Beschlüsse durchzusetzen. Die Durchsetzbarkeit gelingt aber nur gegenüber kleineren Staaten, wenn größere Staaten oder eine Gruppe von Staaten die Durchsetzung übernehmen.
Auch der Internationale Gerichtshof wie auch der Internationale Strafgerichtshof sind in der Durchsetzung seiner Urteile auf Freiwilligkeit und die Unterstützung starker Staaten angewiesen.